Bericht vom Jungfrau-Marathon

 

Noch ein Kultlauf, der auf meiner Wunschliste stand, war der Jungfrau-Marathon in Interlaken im Berner Oberland in der Schweiz.

Das berühmte Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau präsentiert sich hier in seiner ganzen Pracht und so stand auch der Berg Jungfrau als Namenspate für diesen Marathon.

Dieser Marathon, den vielen als den schönsten der Welt bezeichnen, wurde in seiner bereits 16. Auflage von rund 4000 Läufern in Angriff genommen. Die zur Verfügung stehenden 4000 Startplätze wurden unter mehr als 6000 Anmeldungen in einer Lotterie ausgelost, wobei nur die männlichen Bewerber in die Lostrommel kamen. Die weiblichen Anmeldungen wurden ohne Lotterie zum Marathon zugelassen. Eine Maßnahme, die nicht immer auf Gegenliebe stieß und speziell bei den Teilnehmern, die kein Losglück hatten, Unmut ernteten.

Mir selbst war das Losglück hold und so konnte die Reise gebucht werden. Hotels gibt es in Interlaken und den Nachbarorten reichlich, auch zwei Campingplätze in unmittelbarer Nähe stehen zur Verfügung. Wer sich ein Hotel in Interlaken sucht, muss für drei Sterne und Übernachtung mit Frühstück mit rund 100 Euro pro Nacht und Person rechnen. Wir waren in Neuhaus am Thunersee, rund 3km vom Stadtzentrum Interlaken entfernt, einquartiert. Dies war wesentlich preiswerter und auch ruhiger als in der Innenstadt von Interlaken.

 

Der Startbereich mit dem Veranstaltungszelt, in dem sich die Startnummernausgabe, Pasta-Party und Läufermesse befand, stand an der sogenannten Höhematte. Dies ist eine riesige Freifläche in Interlaken, die im 19. Jahrhundert von mehreren Bauern gekauft wurde, damit diese nicht bebaut wird und so der Blick auf die Berge erhalten bleibt.

Die Startnummerausgabe erfolgte problemlos und, typisch Schweiz, in ruhiger und akkurater Art.

Für die Pasta-Party mussten 9 Euro pro Portion berappt werden, dafür gab es dann eine ordentliche Portion Pasta, ein Getränk und einen Apfel oder eine Banane. Während dieser Pasta-Party wurden die Favoriten des Rennens, die Strecke und die Wettervorhersage präsentiert.

Der Start war am Samstag um 9:00 Uhr. Für 14:00 Uhr war für das Ziel Regen vorhergesagt, allerdings mit moderaten Temperaturen von etwas über 10 Grad. Somit entschied ich mich für die kurze Laufgarnitur.

Einen besonderen Service gab es für die nicht laufende Begleitung: Für etwa 30 Euro gab es ein Tagesticket von Interlaken zum Ziel zur kleinen Scheidegg, mit dem ein beliebiges Ein-Aussteigen und Vor- und Zurückfahren mit den Bahnen möglich war. Somit konnte die jeweilige Begleitung an mehreren Stellen der Strecke den eigenen Läufer anfeuern.

Nach dem Verklingen der Schweizer Nationalhymne erfolgte der Startschuss und das Läuferfeld setzte sich in Bewegung.

 

Eine Schleife von etwa 3 km um die Höhematte herum führte uns wieder über Start, bis es anschließend in Richtung Lauterbrunnen zunächst flach weiterging.

Vorbei am Brienzer-See waren die ersten 10 km so flach wie bei einem Stadtmarathon.

In Wilderswil war dann der erste Stimmungshöhepunkt nach Interlaken. Nach Wilderswil erfolgte der erste ruppige Anstieg nach Gsteigwiler.

Waren bisher nur Asphaltstraßen unter den Füßen, so wechselte nun der Untergrund und es ging zumeist auf Naturpfaden weiter.

Moderat ansteigend kamen wir zur Halbmarathon-Stadt Lauterbrunnen. Die Stimmung erreichte einen weiteren Höhepunkt. Die Stimmung war am Überkochen auch aufgrund des oben genannten Service, da sehr viele Zuschauer zu sehen waren, die „ihren“ Läufer oder Läuferin anfeuerten.

Die Schleife in Richtung Trümmelbach war flach. Ein lauter Knall und ein Rauschen ließ uns nach oben blicken. Basejumper hatten sich vom Hausberg Lauterbrunnens gestürzt, ließen sich mit ihren Fallschirm ins Tal gleiten und landeten links und rechts der Laufstrecke.

 

War der Marathon bis dahin noch recht flach und gut zu laufen, begann nun der Ernst des Lebens waren doch von den 1829m Anstieg bis zum Ziel bisher nur rund 300m bezwungen. Blieben also über 1500m Aufstieg, verteilt auf 16 km!

Zurück in Lauterbrunnen erwartete uns der steile Anstieg nach Wengen. Endlose Serpentinen trieben uns in 5 km etwa 500m höher, wobei die ersten drei Kilometer eine durchschnittliche Steigung von knapp 20% aufwiesen.

In Wengen angekommen war der Ort am Platzen. Teilweise fünfreihig scharten sich die Zuschauer am Streckenrand um die Läufer anzufeuern.

Das Wetter spielte noch mit, es herrschte Sonnenschein und nicht allzu hohe Temperaturen. Aber die ersten Wolken und teilweise kalte Windböen kündigten einen nahenden Wetterwechsel an. Ich wollte aber vor dem großen Regen im Ziel sein!

30km Streckenlänge bezwungen, noch 12km vor mir. Die hatten es aber auch in sich. Waren jetzt noch rund 1000 Höhenmetern zurückzulegen.

Teilweise im Laufschritt, aber auch im Gehschritt, ging es hinauf über die Mettelenalp zur Wengeralp. Vom wunderschönen Panorama war nun aufgrund des aufgezogenen Nebels leider nichts mehr zu sehen, dafür waren aber auf 8 km weitere 600 Meter bezwungen worden. Ein kurzes Bergabstück brachte uns zur Ski-Kassierstation Wixi, wo eine Neuerung auf uns wartete. Aufgrund der Läufermasse und der Streckenbegebenheit, kam es in der Vergangenheit ab Wixi immer zu Stauungen, die sich bis zum höchsten Punkt der Strecke, dem Ende der Eigermoräne zogen. Diesem wurde nun mit einer zweiten Streckenführung begegnet und so liefen die Läufer nach Anweisung durch die Streckenposten abwechselnd hinauf in Richtung Eigermoräne.

Der Zusammenschluss beider Streckenführungen war am Fuß der Eigermoräne. Hier ging stellenweise nichts mehr. Das Stauproblem hatte sich nur verschoben. Für mich Zeit, die Alphornbläser, oder besser Nebelhornbläser, zu fotografieren.

 

Am Ende der Moräne angekommen, war der höchste Punkt der Strecke erreicht. Auf diesem Teilabschnitt von rund 2 Kilometern wurden etwa 380 Höhenmeter bezwungen. Ein Dudelsackspieler hieß uns musikalisch auf dem höchsten Punkt der Strecke willkommen. Von nun an ging es hauptsächlich bergab bis zum Ziel auf der kleinen Scheidegg. Eine weitere Neuerung erlebten die Läufer quasi im Zielsprint: In der Vergangenheit mussten die Läufer die Bahnlinie kreuzen und wer Pech hatte, musste erst den vorbeifahrenden Zug passieren lassen, bevor es weitergehen konnte. Nun führt ein Tunnel unter dieser Bahnlinie hindurch und man kam ungehindert auf den letzten Metern voran.

Eine Stimmung wie bei Bergetappen der Tour de France, wobei die Zuschauer einen schmalen Korridor oft nur für einen Läufer freihielten, erwartete uns nach 42,195 Kilometern.

Die Versorgung der Läufer im Zielbereich war hervorragend. Im großen Duschzelt stand ausreichend warmes Wasser zur Verfügung. Nach einer Stärkung im übervollen Bergrestaurant machten wir uns mit der Bahn auf den Weg zurück in Richtung Interlaken. Einige ganz hart gesottene nutzten stattdessen den Wanderweg hinunter ins Tal.

Die Siegerehrungen fanden im großen Festzelt in Interlaken statt. Dieser Zeremonie wohnten wir nicht bei, sondern ließen den Abend bei einer Flasche Wein im hoteleigenen Restaurant ausklingen.

Tags drauf stiegen wir morgens in den ICE in Richtung Stuttgart und verließen das wunderschöne Berner Oberland.

Insgesamt waren diese Tage in der Schweiz wunderschön, der Jungfrau-Marathon ist wirklich einer der schönsten und anspruchsvollsten und sehr empfehlenswert. Einziger Wehrmutstropfen sind die, leider auch Schweiz-Typisch, teilweise sehr hohen Preise, speziell für die diversen Bergbahnen.

 

 

 

Bericht von Olaf Ulmer